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11.06.2026 Kategorie: Wort

Casting-Erfahrung

Bei unserem aktuellen Filmprojekt der Evangelischen Jugend ist oft die Frage gefallen: Wer spielt welche Rolle? Das klingt zuerst einfach. Doch je länger man darüber nachdenkt, desto komplizierter wird es. Ein Schauspieler kann talentiert sein und trotzdem nicht zur Figur passen. Zwei Menschen können einzeln großartig wirken, aber zusammen keine echte Verbindung haben. Manche Rollen brauchen Stärke, andere Zerbrechlichkeit, Humor oder stille Traurigkeit.

Vielleicht ist das gar nicht so weit entfernt von unserem eigenen Leben. Auch wir bekommen Rollen. Nicht im Film, sondern im Alltag. Wir sind Kind, Freund, Kollege oder einfach Mensch, von dem etwas erwartet wird. Manche Rollen passen uns gut. In anderen fühlen wir uns fremd. Vielleicht haben wir manchmal das Gefühl, falsch besetzt zu sein. Nicht stark genug. Nicht mutig genug. Nicht passend für das, was das Leben von uns verlangt.

In der Bibel begegnen uns viele Menschen, die sich ähnlich fühlten. Mose sagte zu Gott, er könne nicht gut reden. Jeremia meinte, er sei zu jung. Petrus war impulsiv und unsicher. Und doch hat Gott gerade sie berufen. Nicht, weil sie perfekt waren, sondern weil Gott mehr in ihnen sah, als sie selbst sehen konnten.

Beim Casting eines Films suchen Menschen nach Perfektion für eine Rolle. Gott dagegen arbeitet anders. Er nimmt Menschen mit Fehlern, Zweifeln und Brüchen und schreibt mit ihnen Geschichten. Vielleicht gerade deshalb, weil echte Menschen glaubwürdiger sind als perfekte Figuren.

Gute Schauspieler spielen ihre Rolle nicht nur mit Worten. Oft sagen Blicke, Schweigen oder kleine Gesten viel mehr aus. Auch unser Leben wirkt oft stärker durch das, was wir tun, als durch das, was wir sagen. Freundlichkeit, Geduld oder Zuhören können mehr bewirken als große Reden.

Und manchmal verändert sich sogar die Rolle selbst. Ein Nebendarsteller wird plötzlich wichtig. Eine kleine Szene wird bedeutend. Vielleicht erinnert uns das daran, dass kein Mensch unwichtig ist. Auch wenn wir uns manchmal übersehen fühlen, kann unser Platz im Leben für andere entscheidend sein.

Gott sieht nicht nur die Rolle, die wir gerade spielen. Er sieht den ganzen Menschen dahinter. Und vielleicht dürfen wir darauf vertrauen: Wir müssen nicht perfekt besetzt sein, um Teil seiner Besetzung  zu werden.

Beitrag von Jugenddiakon Michael Marintschak