Am Anfang steht aus mächtigen Baumstämmen geformt der hebräische Buchstabe „Tau“, den Franz von Assisi sich als Zeichen seiner Bruderschaft und als persönliches Siegel ausgesucht hatte. Dort beginnt bei Sand in Taufers im Südtiroler Ahrntal der Besinnungsweg zum Sonnengesang des Franz von Assisi. Einheimische Jugendliche und Künstler haben ihn im Bergwald errichtet, haben zu einzelnen Strophen des Sonnengesangs Stationen mit wahren Kunstwerken geschaffen, die die Vorbeikommenden zum Nachdenken, zur Andacht, zum Beten, zum Singen anregen.
Oft war ich schon auf diesem Weg – allein oder in der Gruppe, meistens mit Konfirmandinnen und Konfirmanden. Schweigend gehen wir den Weg als Gottesdienst von Anfang bis zum Ende, auch wenn es zwischendurch einmal ein bisschen steil wird. An den Stationen halten wir inne, betrachten das Kunstwerk, das mit einem Bibelwort versehen ist, und singen die passende Strophe aus dem Sonnengesang dazu. Kaum einmal habe ich es erlebt, dass sich eine Konfirmandin dem Zauber der Kunstwerke entziehen konnte; kaum ein Konfirmand, der nicht von der besonderen Stimmung dieses Weges gefangen war.
Ich kann gar nicht genau sagen, welcher der Besinnungspunkte am beeindruckendsten ist. Das wechselt wahrscheinlich je nach Stimmung und Empfinden auf dem Weg. Ist es der Punkt zum „Bruder Tod“ oder der zum „Frieden“? Dort hat eine Laune der Natur einen gewaltigen Felsblock in der Mitte gespalten – als sollte der Unfrieden dargestellt werden, der die ganze Schöpfung und uns Menschen durchzieht und spaltet. Über den Spalt hinweg haben die Künstler eine Skulptur gelegt – in Lebensgröße, aus einem einzigen Baumstamm geschnitzt. Die beiden Menschen auf dem Stein wirken müde und abgekämpft. Sie scheinen nur noch eins zu wollen: Ruhe und Frieden. So reichen sie sich über den trennenden Spalt hinweg die Hände. Als Bibelwort wurde dazu das Wort Jesu aus der Bergpredigt ausgewählt: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes heißen.“ (Mt 5, 9)
Ob wir in diesem Sommer mit unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden auf dem Besinnungsweg zum Sonnengesang unterwegs sein können? Zu der Zeit, als ich diese Worte aufschreibe, in der Woche nach Ostern, weiß das noch niemand. Wir hoffen, dass wir das Konfirmanden-Ferien-Seminar in Südtirol in diesen Sommerferien wirklich erleben können. Ob die Pandemie es zulässt, ist keineswegs sicher.
Gerade in dieser so einzigartigen und schwierigen Zeit aber können uns die Gedanken des Franz von Assisi und der Wunsch nach Frieden leiten und Hoffnung schenken. So grüße ich Sie in diesen Sommer hinein und hoffe sehr, bald in Wort und Bild aus dem Konfirmanden-Ferien-Seminar berichten zu können.
Ihr Propst Jens Höfel
Informationen zum Besinnungsweg: www.franziskusweg.it


