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01.06.2021 Kategorie: Wort

Treue zum göttlichen Auftrag

Der morgige Sonntag steht in der evangelischen Kirche unter dem Thema „Apostel und Propheten“. Zu Aposteln und Propheten wurden Menschen aus der Zeit des Alten und des Neuen Testaments berufen. Sie alle hatten einen Auftrag: Zeugnis abzulegen von der Güte und Liebe Gottes, aber auch ihnen zu sagen, was ihnen über kurz oder lang schädlich sein könnte. Also, den Menschen die Wahrheit zu sagen.

Leider war ihnen äußerst selten Erfolg in ihrer Verkündigung beschert.

Wir brauchen uns also nicht zu wundern, wenn mancher Prophet oder Apostel vor seinem Auftrag, den Menschen die harte Wahrheit zu sagen, zurückschreckte.

Da fällt mir der alttestamentliche Prophet Jeremia ein. Als er zum Propheten berufen wurde, war er wahrscheinlich erst 15 Jahre alt. Jeremia sollte Ankläger über das Volk Israel sein. Kein Wunder, dass er sich wehrt: „Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“ Aber Gott entlässt ihn nicht aus seinem Auftrag.

Von der Stunde seiner Berufung an bis zu seinem Tod, den er im Alter von 40 Jahren in der Fremde Ägyptens erleidet, bleibt er ein Außenseiter.

Über 20 Jahre lang bemüht sich Jeremia, sein Volk zur Umkehr zu bewegen, aber er findet kein Gehör. Israel, das einst gelobt hatte, der Weisung seines Gottes gemäß zu leben, will jetzt nichts mehr davon wissen. Der Zeitgeist damals lässt sich mit dem heutigen durchaus vergleichen: Gott soll nicht nur aus dem Grundgesetz, sondern vor allem aus dem Bewusstsein gestrichen werden. Man hat keine Lust, sich vor einem Höheren zu verantworten. Ferner bewerten wir die Dinge nach ihrem Nutzen: „Was habe ich davon?“

Ich kann mir vorstellen, dass sich auch Jeremia immer wieder gefragt hat: Warum tue ich mir all das an, wenn es doch sowieso nichts bringt? Die Versuchung, seine Berufung offen oder heimlich zu verraten und so zu werden wie alle anderen, ist groß – und menschlich sehr verständlich.

Trotzdem ist Jeremia anders als die meisten damals und heute seiner Berufung treu geblieben.

Nach Stunden der Verzweiflung wurde er sich immer wieder der Hilfe und Bewahrung durch Gott bewusst. Jeremia musste zu gegebener Zeit die über sein Land hereinbrechende Katastrophe miterleben. Das Volk wird in die babylonische Gefangenschaft abgeführt. Was Jeremia vorausgesehen und prophezeit hat, ist Wahrheit geworden.

Somit könnte man Jeremia dankbar sein für sein Lebens- und Glaubenszeugnis in einer gottvergessenen Zeit. Seine Spur verliert sich zwar im Dunkeln, aber es wird unvergessen bleiben, für wen er sein Leben lang unterwegs war.

Beitrag von Pfarrer Johann Böhm