„Sie können jetzt rübergehen! Wir öffnen eine weitere Kasse!“
Bewegung kommt in die beiden langen Schlangen im Supermarkt. Bis eben haben sie träge vor sich hin gewartet. Jetzt wirken sie wie aufgeweckt und bringen fix eine dritte hervor. Aufgepasst, da kann man ein paar Plätze gut machen! Wie ungerecht ist das denn, wie da einer die Reihenfolge überspringt! Wie ärgerlich, wieder die falsche Wahl getroffen! Oh, da hat doch tatsächlich jemand einen anderen freiwillig vorgelassen! Und, oh nein, wie kann der da neben mir so gelassen bleiben und amüsiert schmunzeln!
Der Öffnungsruf hat schlagartig die Stimmung geändert von müde und leicht resigniert zu wachsam, zielstrebig, kampfbereit. Wie wenig es doch manchmal braucht, um starke Gefühle hervorzulocken. Wie seltsam, dass die Zeit von jetzt auf gleich zum kostbaren Rohstoff werden kann.
Der November wird oft „stiller Monat“ genannt. Die aufziehende Winterkälte beruhigt viele Aktivitäten. Fallende Blätter und dichter Nebel sind Abschiedsboten. Für das Jahr, für manches Schönes bisher, für das Leben selbst. Mancher gruselt sich heimlich vor dieser Zeit. Und behält das lieber für sich, um nicht daran zu rühren.
Der November ist ein Monat, in dem die Gedenktage Schlange zu stehen scheinen. Allerheiligen und Allerseelen zu Beginn, Volkstrauertag und Totensonntag zum Schluss, dazwischen das Erinnern der Reichsprogromnacht und des Mauerfalls, Martinstag und Buß- und Bettag. Man kann diese Reihe an sich vorbeigehen lassen. Oder darin wichtige Menschenthemen entdecken. Andere hassen, bekriegen, töten. Freundlich sein und Güte erfahren. Schuldig werden, für den Frieden eintreten, Freiheit erringen. Um liebe Menschen trauern und neue Geborgenheit spüren.
Das biblische Wort für November kennt sich damit offenbar aus und befürwortet das Entdecken: „Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf das Warten auf Christus.“ Ein Wunsch wie ein Hinweis, jeden einzelnen November-Gedenktag als Stimme zu hören, die ruft: Schau genau hin auf das Leben! Bedenke, was hier früher geschehen ist und was du daraus jetzt lernen kannst! Spüre, was dein Herz bewegt und überlege, wofür du deine Zeit verwenden möchtest!

