Man sagt, dass die ersten Sekunden einer Begegnung schon das Wesentliche enthalten, was Menschen voneinander wissen können. Denn unter der Oberfläche des Absichtsvollen und Bewussten vermitteln Augenkontakt, Geruch, Tonfall und viele Körper- und Wesenssignale, wie es um den andren bestellt ist und wie man zu ihm steht.
Heute ist der Tag, an dem das erste Türchen am Adventskalender geöffnet wird. Ganz gleich ob klassischer Pappkalender mit Schokoinhalt, Bastelbauhaus für Kinder oder Erwachsene, Meditationsleitfaden mit gehaltvollen Worten: der Anfang wirft auch einen Blick auf das Ganze. Wie beim ersten Mal geht es weitere 23mal immer um dies: für einen Moment den Alltag verlassen und eine Tür nach innen öffnen. Zur Freude, zum Staunen, zum Nachdenken. In einen Freiraum, der oft verborgen scheint und doch immer da ist.
In einem von Berthold Brecht erdichteten Gespräch wird dabei die Geduld betont:
„Dass das weiche Wasser in Bewegung
mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.“
Das blau-weiße Bild könnte das entdecken lassen. Auf den ersten Blick wirkt es strukturlos, fast chaotisch, es gibt wenig Orientierung. Da ist viel Dunkles, so als ob es von den Rändern immer näher käme oder jenseits des Bildes noch finsterer weiterginge. Zur Mitte hin öffnet sich dann aber Weiß, vielgestaltig bewegt, mit leuchtenden Lichteinschlüssen. Dem geduldigen Auge zeigen sich darin braun-kantigen Elemente, vermutungsweise eine durchgehende feste tiefere Ebene.
Das Bild zu Hause auf dem Sofa betrachten, mitten im Winter, sich dabei vorzustellen, auf einer Gebirgswanderung unterwegs zu sein. Im Sommer, bei Hitze, mit Gepäck. Wie dann unvermutet in einer Schlucht zwischen allerlei Felsen und Geröll ein Bach sprudelnd hervorspringt. Welch ein Umschlag des Empfindens von Anstrengung zu Anregung! Angezogen sein und stehen bleiben, auf die Geräusche des bewegten Wassers lauschen, die Blicke gehalten von schnell wechselnden Formen und Farben. Endlich am Ufer eine Hand in das Wasser hineintauchen, die Kälte spüren, die Klarheit schmecken. Belebt den Weg fortsetzen.
Die christliche Adventstradition hofft auf eben diese Belebung der Seele beharrlich in vielerlei Weise, oft genug geheimnisvoll:
„O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß,/ im Tau herab, o Heiland fließ./ Ihr Wolken, brecht und regnet aus/ den König über Jakobs Haus.“
Advent - so viele Möglichkeiten, der eigenen Sehnsucht und inneren Kraftquellen auf die Spur zu kommen. Durch 24 Türen, die vor Augen liegen. Oder in flüchtigen Momente und Zeichen, die das Unvermutete schauen lassen.

